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Ich möchte euch heute eine Frau vorstellen deren Lebensweg wohl kaum so verlaufen wäre, wie er verlaufen ist, hätte ihre Mutter nicht eine so große Wut auf ihren Vater gehabt. Klingt wild? Dann bleibt dran.
Ausnahmsweise schauen wir uns nämlich erst kurz einen Teil des Lebens eines sehr berühmten Mannes an, von dem ihr vielleicht schon gehört habt: Lord Byron gilt als einer der größten Dichter der Romantik, dessen kurzes Leben außerdem kaum an Dramatik und Exzess zu überbieten ist: Da gab es öffentliche Liebesaffären mit verheirateten Frauen, Beziehungen mit Männern, offene und polyamore Bindungen, sowie uneheliche Kinder, die allesamt die britische Gesellschaft schockierten. Doch er war Teil einer progressiven, freigeistigen Bewegung junger Künstler und Intellektueller, zu der zB auch Mary und Percy Shelley gehörten (auch mit diesen beiden Bestand vielleicht eine Art Liebesdreieck). Er verbrachte den schicksalhaften, verregneten Sommer des Jahres 1816 am Genfer See, der am Ende frühe Versionen von Mary Shelleys Frankenstein sowie John William Polidoris The Vampyre hervorbrachte und bis heute das Horrorgenre maßgeblich prägen.
Diese Zusammenkunft hätte es wohl so nicht gegeben, hätte er sich nicht zuvor im selben Jahr von seiner Ehefrau Anna Byron getrennt und seine nur einen Monat alte Tochter Augusta Ada Byron in der Obhut ihrer Mutter gelassen, was zur damaligen Zeit auch ein kleiner Skandal war.

Anna Byron war eine sehr aufgeklärte, gebildete Frau, die sich Zeit ihres Lebens für Reformen in der Bildung und die Abschaffung von Sklaverei einsetzte. Die Ehe mit Lord Byron stand von Beginn an unter keinem guten Stern, da sie für beide Partner eher Pflicht als eigener Wille war und keine Hoffnung bestand, dass Lord Byron sein Skandal-erfülltes Leben gegen das ruhige und besinnliche Eheleben tauschen würde.
Den Grund dafür sah Anna auch in seinem großen Interesse an den Künsten und machte es sich zur Aufgabe ihrer kleinen Tochter Ada diese Flausen gründlich auszutreiben. Im Podcast Feminist Shelf Control (große Empfehlung an der Stelle) wurde diese Praxis liebevoll als ‚Revenge Pädagogik‘ bezeichnet: Anna Byron setzte Alles daran, aus Ada eine gebildete Naturwissenschaftlerin zu machen, was in ihren Augen der Gegenentwurf zu Lord Byrons künstlerischer Ader war.

Durch ihre privilegierte Position konnte Ada sehr früh sehr viel Lernen und pflegte Kontakt zu den bekanntesten britischen Wissenschaftlern und Denkern der Zeit, wie zB Michael Faraday und Charles Dickens. Mit nur 18 Jahren begann ihre Zusammenarbeit mit dem Mathematiker Charles Babbage und sie tüftelten an einer analytischen Maschine, die rückblickend als Vorläufer des Computers gilt. Wirklich gebaut wurde sie leider nie, doch der immense Einfluss der Arbeit von Ada Lovelace (wie sie später durch Heirat hieß) und Babbage bleibt bestehen. Bis heute gilt sie als Erfinderin des ersten Computer Programms, mit denen eine Maschine die Bernoulli Zahlen ausrechnen kann. Diese spielen in der Mathematik und Physik eine Rolle und sind schwierig zu berechnen.
Auch sie stirbt mit nur 36 Jahren, genau wie ihr Vater Lord Byron. Ihr Werk bleibt jedoch bahnbrechend und unvergessen. Genau wie ihre Vision einer Maschine, die nicht nur Zahlen verarbeitet, sondern auch Musik und Poesie kodieren soll. Ein kleiner Rest an künstlerischer Ader hat es wohl doch entgegen aller Bemühungen ihrer Mutter geschafft in ihr zu wachsen. Vielleicht ist es ja grade diese Verbindung von Kunst und Wissenschaft, die ihre Arbeit ermöglicht haben. Denn sie war vielleicht die Erste, die erkannte, dass hinter den Zahlen und Codes mehr als nur die mathematische Anwendung steckt. Und sie sollte ja Recht behalten, wenn man bedenkt, dass ich diesen Text gerade in einen kleinen Computer eintippe, damit ihr ihn auf eurem kleinen Computer lesen könnt.
Was bleibt und sehr positiv hervorzuheben ist, ist die Ehrung ihres Werkes. Zwar ist ihr Name vielleicht nicht so bekannt wie er sein sollte, doch sie wurde nicht wie manch andere Frau aus den Geschichtsbüchern radiert, ihr wurden keine Ehrungen vorenthalten die ihre männlichen Kollegen einheimsten (wie Esther Lederberg oder Jocelyn Bell Burnell) und sie musste ihre Arbeit nicht zugunsten der Familie aufgeben (wie Agnes Pockels oder Clara Immerwahr).
Ihre Geschichte passt also strenggenommen nicht ganz in dieses Format, ist aber trotzdem so spannend und ihr Leben so vernetzt mit vielen anderen großen Namen der Zeit, dass ich es trotzdem wichtig finde, diese Geschichte zu erzählen.
Ich danke euch vielmals für euer Interesse und freue mich auf eure Kommentare, Likes und wenn ihr diesen Beitrag teilt.