Die Debatte rund um das Thema Gentechnik ist eine, die mich wie kaum eine Andere wütend macht. Nicht etwa, weil mir das Thema so Nahe ginge oder mir herausragend am Herzen liegt, sondern weil sie ein Paradebeispiel für eine Debatte ist, in der kaum jemand Ahnung hat, aber jeder eine Meinung vertritt. Zugegeben, der Titel des Beitrags ist reißerisch verfasst, in Anlehnung an die horrenden Clickbait-Artikel die uns weiß machen wollen, wir Menschen würden durch den Einsatz von Gentechnik zu Mais-Mutanten.
Und weil so viel Meinung und wenig Ahnung vorherrscht, möchte ich hier ganz trocken und schonungslos die wirklich wahre Wahrheit zum Thema Gentechnik vs konventionelle Saatgutherstellung präsentieren. Und damit meine ich einfach, einmal von ganz Vorne zu erklären worum es geht. Denn, und dass ist leider keine Untertreibung, habe ich noch nicht ein einziges Mal mit jemandem über dieses Thema gesprochen, der tatsächlich wusste worum es geht. Dennoch hatten all diese Personen immer eine extrem starke Meinung zum Thema, welche auf absoluter Misinformation beruhte. Doch damit soll jetzt Schluss sein! Wir klären heute alle wichtigen Fragen zum Thema, damit ihr euch eure Meinung dazu sinnvoll bilden könnt.
Grüne Gentechnik (also die Anwendung von Gentechnik auf Pflanzen) und die konventionelle Saatgutherstellung haben im Kern das gleiche Ziel: Pflanzen mit bestimmten Eigenschaften zu züchten. Für die Landwirtschaft ist dies extrem wichtig, da sie uns mit Grundnahrungsmitteln versorgt und durch den Klimawandel, Schädlinge oder die veränderte Qualität der Böden die Pflanzen besonderen Stressoren ausgesetzt sind. Wurde lange Zeit vor allem der Ertrag maximiert, ist es jetzt ebenso wichtig robuste, genügsame oder schädlingsresistente Pflanzen zu züchten. Pflanzen mit bestimmten Eigenschaften zu züchten ist aber keineswegs eine Erfindung der Moderne, bereits seit tausenden Jahren verändert der Mensch die Eigenschaften von Pflanzen bewusst zu seinem Vorteil. Aber auch ohne das Zutun des Menschen verändern Pflanzen mit der Zeit ihre Eigenschaften und passen sich zB an neue Umweltbedingungen an.
Ob bewusst herbeigeführte oder natürliche Änderung, Beides entspricht einer Mutation, im Erbgut der Pflanze. Das Erbgut kodiert in Form von DNA alle Eigenschaften der Pflanze. Diese DNA wird täglich und quasi ständig tausendfach kopiert, wobei es zu Fehlern kommen kann. Diese zufälligen Mutationen können wiederum die Eigenschaften der Pflanze ändern. Pflanzen gezielt so zu züchten, dass sich bestimmte Mutationen fortsetzen macht der Mensch (un)bewusst seit tausenden Jahren. Dazu gibt es verschiedene Strategien, wobei jedoch die längste Zeit galt, dass alle Strategien zu einem mehr oder minder großem Anteil dem Zufall unterworfen sind und es eben Geduld und Glück braucht.
Nehmen wir zum Beispiel an, wir möchten Getreide resistenter gehen Trockenheit machen um es an veränderte Klimabedingen anzupassen. Der low-effort-approach wäre es, die Natur die Arbeit machen zu lassen: Es werden bei trockenem Klima natürlich die Pflanzen überleben bzw am ertragreichsten sein, die eine gute Resistenz gegen die Trockenheit besitzen. Wird dieses Saatgut für die nächste Saison verwendet, werden vermutlich mehr Pflanzen diese gute Resistenz haben. Das ist allerdings aus vielen Gründen für unsere Gesellschaft nicht praktikabel, denn es dauert viele Jahre, um die gewünschte Resistenz zu implementieren. Während dieser Zeit sind die Ernten nicht auf einem stabilen Level und wenn das Klima sich sehr rapide ändert (so wie das durch den menschengemachten Klimawandel der Fall ist) kann es auch passieren dass Mutter Natur nicht hinterherkommt.
Dann gibt es noch die Methode des Kreuzens. Viele von euch haben im Biologie Unterricht die von Gregor Mendel aufgestellten Regeln für die Erblehre gelernt. Lebewesen die sich geschlechtlich Fortpflanzen besitzen je eine Hälfte ihres Erbguts von jeweils einem „Elternteil“. Wir könnten also unsere Getreidepflanze mit einer anderen Sorte kreuzen welche bessere Trockenresistenz besitzt. Aber auch hier gibt es einige Nachteile: Die neue Pflanze hat zwar jetzt auf jeden Fall die bessere Trockenresistenz im Erbgut, aber ja auch immer noch die alte „schlechte“ Resistenz von der anderen Elternpflanze, 50/50 eben. Welche sich davon aber wirklich phänotypisch, also äußerlich auswirkt, das ist teils sehr komplex. Die schlechte Resistenz kann zB Gegenüber der Guten dominant sein und sich so als Eigenschaft durchsetzen. Dann müsste man eine weitere Generation einkreuzen, um die schlechte Resistenz ganz aus dem Erbgut rauszuholen. Außerdem vererben sich ja 50% des ganzen Erbguts. Die Pflanze mit der guten Trockenresistenz könnte zB weniger Ertrag bringen oder anfälliger für Schädlinge sein und diese Eigenschaften genauso an die neue Pflanze vererben. Außerdem lassen sich nicht alle Pflanzen einfach wild miteinander kreuzen, sie müssen natürlich biologisch gesehen zu einer gleichen/ähnlichen Art gehören.
Davon abgesehen ist aber auch diese Methode für unsere konventionelle Landwirtschaft zu langsam und teilweise auch zu unpräzise, weil man zB gar keine Pflanze mit der wünschenswerten Eigenschaft hat, die man im andere Pflanzen einkreuzen möchte. Abhilfe schafft hier die schnelle und massenhafte Mutation von Saatgut. Hier ist einer der Punkte, bei denen viele Menschen die größten Wissenslücken innerhalb dieser Debatte haben. Denn die Methodik hat nicht mehr viel mit der romantischen old-school Pflanzenzucht zu tun, von der so viele Menschen denken, dass sie sie verfechten. Um möglichst schnell möglichst viel Saatgut zum Mutieren zu bringen, wird es wahlweise schock-gefroren oder mit radioaktiver Gamma-Strahlung bzw Röntgen-Strahlung bestrahlt. Das bestrahlte Saatgut ist danach weitestgehend unfruchtbar, weil die Zahl an Mutationen so groß ist, dass das Erbgut gänzlich zerstört wird. Nur wenige Saatkörner sind überhaupt noch keimfähig und haben dann eben eine zufällige Zahl an Mutationen, die zu beliebigen, zufälligen Änderungen in den Eigenschaften der Pflanze führt. Das klingt erstmal kontraproduktiv, wir müssen aber bedenken, dass die großen Firmen sehr leicht riesige Mengen an Saatgut bestrahlen können. Und irgendwann wird eine dieser zufällig mutierten Pflanzen für uns nützliche Eigenschaften haben. Ein Nachteil hier ist, dass die Pflanze aber natürlich genauso gut nützliche Eigenschaften verlieren kann, die sie zuvor hatte. Außerdem ist diese Methode absolut keiner Reglementierung unterworfen, anders als die Grüne Gentechnik. Warum das ein Problem ist, klären wir gleich.
Zunächst aber mal zum eigentlichen Kernthema bzw Kern-Aufreger in dieser Debatte: Grüne Gentechnik. Diese umfasst Methoden, mit denen man gezielte Eingriffe in die DNA einer Pflanze vornehmen kann. Es gibt zB Bakterien, die eigene Gene in die Pflanzengene „einschleusen“ können. Normalerweise sind diese schädlich für die Pflanze. Man kann sie aber durch andere Gene ersetzen, zB eben jene Gene in denen die Information für nützliche und gute Eigenschaften codiert ist. Das Bakterium schleust nun diese Gene in die Pflanze ein. Dies ist aber nur mit bestimmten Pflanzen und Genen möglich. Eine andere Möglichkeit ist, die gewünschten Gene auf winzigen Goldpartikeln zu platzieren und in den Zellkern zu schießen. Das klingt erstmal rabiat, tatsächlich sind einzelne Goldpartikel aber so klein, dass sie nichtmal die Zellwände beschädigen. Ein Nachteil hier ist, dass die DNA-Fetzen auf den Partikeln nicht immer da landen wo sie sollen oder die Mutation sich nicht auf den ganzen Organismus überträgt, sondern nur lokal bleibt. Wenn man sich grob zu dem Thema einliest, wird man bei Grüner Gentechnik aber vor Allem an Genome Editing denken, also das gezielte Editieren von einem gezielten Gen. Haben wir zB das Gen in unserer Pflanze ausgemacht, welches die Trockenresistenz der Pflanzen bestimmt, können wir dieses gezielt verändern. Mit einer sogenannten „Genschere“ (zB CRISPR/Cas) können wir die DNA an dieser Stelle schneiden. Bei der Reparatur dieser Bruchstelle durch die Zelle entstehen wiederum Mutationen die die Eigenschaften der Pflanze ändern. Der vielleicht wichtigste Satz dieses Beitrags ist: Es ist unmöglich später festzustellen, wie diese Mutation entstanden ist, sowohl auf genetischer Ebene als auch in den Eigenschaften der Pflanze. Egal ob mit der Genschere geschnitten, radioaktiv bestrahlt oder ohne jegliches Zutun. Zusätzlich zu diesem Schnitt mit der Genschere, kann man nun einen Schnipsel DNA neben die Bruchstelle platzieren, damit dieses bei der Reparatur eingebaut wird. So werden Fremdgene mit gewünschten Eigenschaften in die DNA der Pflanze eingebaut. Das Besondere hierbei ist, dass auch DNA gänzlich fremder Pflanzen dort eingebaut werden können. Die Verwendung von Gentechnik ist extrem streng reguliert.
Was bedeutet das alles jetzt? Wir können mit diesen Informationen sehr viele Vorurteile und Mythen rund um den Einsatz von Gentechnik debunken:
1. „Der Einsatz von Gentechnik löst Allergien aus“
Neue Mutationen in den Pflanzen können potentiell Allergien auslösen, egal wie sie in die DNA der Pflanze kommen. Es liegt also nicht an der Technik die verwendet wird. Grüne Gentechnik ist aber extrem streng reguliert und muss genau auf potentielle neue Allergien untersucht werden. Es dürfen auch keine DNA Schnipsel durch Gentechnik in die Pflanze eingebaut werden, wenn diese in anderen Pflanzen als Allergene identifiziert wurden. Durch diese strenge Kontrolle müssen immer wieder Pflanzen aussortiert werden, die durch Gentechnik gezüchtet wurden und das wird dann medial sehr wirkungsvoll geframed. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass die Mutationen durch radioaktive Bestrahlung ebenso Allergien auslösen können. Diese Pflanzen unterliegen aber keiner Kontrolle und gibt es kaum verlässliche Daten darüber, welche möglichen Allergien daraus resultieren können. Und wenn die Pflanzen erstmal auf dem Feld stehen, wird niemand der Betroffenen am Ende zuordnen können, welche Sorte Getreide genau ihm Ärger bereitet.
2. „Durch Grüne Gentechnik wird das Erbgut der Pflanze stärker verändert, als bei der konventionellen Zucht“
Es ist gerade einer der großen Vorteile, dass man durch Gentechnik nur an einer oder wenigen gezielten Stellen eingreift. Im Gegensatz dazu lösen die Mutationen durch zB Bestrahlung Änderungen im gesamten Erbgut aus. Und das wie beschrieben, oft an so vielen Stellen gleichzeitig, dass der größte Teil des Saatguts gar nicht mehr keimfähig ist. Die Veränderung der Gene durch Gentechnik ist nicht unterscheidbar von anderen Methoden (sofern keine Fremd-DNA eingebracht wurde, dann natürlich schon). Ihre Zahl jedoch ist durch die Präzesion meist niedriger als bei konventionellen Methoden.
3. „Gentechnisch veränderte Pflanzen bergen gesundheitliche Risiken die niemand abschätzen kann“
Gentechnisch veränderte Pflanzen sind so gut untersucht und reguliert wie kaum andere landwirtschaftlich genutzten Pflanzen. Allein da das Saatgut genetisch nicht unterscheidbar zu konventionellem Saatgut ist, gibt es keinerlei Grund zur Annahme dass sich damit andere gesundheitliche Risiken ergeben.
Spannend ist auch sich die Akzeptanz von gentechnisch veränderten Pflanzen weltweit anzuschauen: Generell gilt, je wohlhabender ein Land, desto größer die Ablehnung. Dies verwundert nicht, da der Einsatz von Gentechnik primär für mehr Stabilität, Sicherheit und Verfügbarkeit von Lebensmitteln sorgt. Ein Problematik, mit der sich in Mitteleuropa oder Nordamerika seit Jahrzehnten kaum jemand mehr beschäftigen musste. Für viele Länder des globalen Südens sind dies aber extrem wichtige Fragen. Es ist also im Grunde ein Privileg gute Forschungsarbeit zu ignorieren oder gar schlecht zu reden. Es gilt auch, dass die Akzeptanz von Gentechnik mit dem Bildungsgrad korreliert. Wer Schwierigkeiten hat sich in die Thematik einzuarbeiten, ist anfälliger dem negativen Framing Glauben zu schenken. Das trifft nicht nur auf die Debatte rund um Gentechnik zu, sondern ist ein generelles Problem. Es ist deshalb wichtig, Bildungsarbeit zu diesem Thema zu leisten.
Ich hoffe deshalb mit diesem Beitrag zur Aufklärung beizutragen, was es mit Gentechnik auf sich hat und wo genau die Unterschiede zur konventionellen Landwirtschaft liegen. Ich bedanke mich für alle die es bis hierher geschafft haben, denn dieser Text ist lang und behandelt streckenweise trockene Themen. Diese Debatte ist aber wichtig, da sie aufzeigt welcher Schaden durch gezielte wissenschaftsfeindliche Desinformation entsteht. Noch heute fordern zum Beispiel circa 80% aller Deutschen ein gänzliches Verbot von Gentechnik und knapp 1/4 der EU-Bürger denkt, gentechnisch veränderte Pflanzen könnten das menschliche Erbgut manipulieren. Dem versuche ich entgegen zu wirken.
Wie immer freue ich mich über Feedback, Teilen und Abos für dieses Blog-Projekt!